Gedanken und Berichte

Aufenthalt in der Psychiatrie

Ich bin vier Tage auf der geschlossenen Abteilung. Die meiste Zeit schlafe ich – vollgepumpt mit Medikamenten. Wenn ich wach bin, versuche ich ein wenig Bewegung zu machen. Es fällt mir schwer – irgendwie kann ich nicht richtig sehen. Bei der Visite hört man mich mit meinen körperlichen Beschwerden an: ich will nicht so viel schlafen. Das verschwommene, nicht fokussierte Sehen sei eine Nebenwirkung. Ich wirke klarer, kann die Fragen die mir gestellt werden scheinbar richtig beantworten. Die Medikamente werden reduziert und sogleich fühle ich mich wohler am nächsten Tag. Jeden Tag muss ich Urin abgeben für einen Drogentest. Ich finde das entwürdigend; ich hab noch nie Drogen konsumiert, nicht mal einen Zug von einem Joint. Aber die werden hier wohl schon viel erlebt haben und wollen sicher nur eine Ursache für meine Psychose ausschließen.

Ich komme immer mehr in Kontakt mit den anderen Patienten. Wir rauchen viel, reden über unsere Erlebnisse. Psychotische Gedanken habe ich noch immer, aber immer mehr lebe ich im Realen. Eine Sozialarbeiterin spricht mit mir, sagt mir was ich nach der Entlassung machen soll (als ob ich mir das merken könnte, nach ein paar Tagen Aufenthalt). Meine Mutter besucht mich einmal und bringt mir Wäsche und Waschzeug.

Nach vier Tagen werde ich auf die offene Station verlegt, ich komme in ein Zweibettzimmer, die Mitpatientin ist nett, aber anstrengend. Sie erzählt mir mehrmals ihre ganze Leidensgeschichte und weint viel. Ich versuche mich abzugrenzen. Wenn ich allein bin, versinke ich nach wie vor in meinen psychotischen Gedanken, bei Ablenkung und dem Tagesprogramm kehrt zunehmend Normalität ein. Wir machen jeden Tag Morgensport, ansonsten gibt es für mich nicht viel Programm. Die Tage laufen gleichförmig ab. Eine Patientin und ich verbringen viel Zeit miteinander. Sie zeigt mir, wie man selber Perlenschmuck herstellen kann – das wird meine Hauptbeschäftigung. Abends machen wir einen Spaziergang, tratschen immer wieder mit Mitpatienten, gehen mal ins Cafe oder nutzen den Ausgang um ins naheliegende Einkaufszentrum zu gehen. Ich gebe viel zu viel Geld aus, aber das kümmert mich wenig.

Mit den Ärzten oder Therapeuten hab ich nicht viel zu tun. Lediglich meine Bezugskrankenschwester führt mit mir öfter mal ein Gespräch, was mich sehr entlastet. Nach eineinhalb Wochen heißt es, ich könne bald entlassen werden, von der Psychose sei kaum noch was zu merken. Ich denke mir: OK – ganz so empfinde ich es nicht – ich falle immer wieder in meine Gedankengänge zurück, aber bitte, wenn sie meinen. Meine Mutter gerät in Panik und will unbedingt, dass ich für die nächsten Wochen zu ihr ziehe. Ich will das absolut nicht. Ich will nur unabhängig sein, und alles für mich regeln. Ich will/muss das tun, um mir selber zu beweisen, dass ich durch eine psychische Episode nicht gleich von irgendwem abhängig bin. Außerdem ist die Art wie meine Mutter mit mir umgeht, nur befremdlich und überfordert mich. Ich empfinde die Gespräche mit ihr sehr anstrengend. Klar bin ich ihr dankbar für ihre praktische Hilfe in meiner Situation, aber darüber hinaus ist es mir zu viel und ich kann ihr Verhalten mir gegenüber nicht als Hilfe empfinden.

Nach gut zwei Wochen werde ich entlassen; ich habe mich zum guten Teil von meiner psychotischen Welt verabschiedet, d.h. meine Umgebung erkenne ich zunehmend als allgemeine Realität an und sehe sie nicht mehr als für mich konstruierte Welt mit lauter Darstellern. Eine Nacht verbringe ich bei meiner Mutter, dann bringt sie mich zurück in mein Zuhause. Ich merke, es geht ihr schlecht dabei mich allein zu lassen, aber ich bestehe weiterhin darauf alles selber geregelt zu kriegen.

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