Gedanken und Berichte

Pflegeleicht

Zuletzt habe ich ein Buch von einer Angehörigen einer schizophrenen Tochter gelesen. Sie hat in einfacher Sprache dargestellt, wie sie mit ihrer Tochter umgeht und umgegangen ist, was sie belastet, beschäftigt, usw. Ich muss schon sagen, es ist ein harter Weg, den sie mit ihrer Tochter gegangen ist und vermutlich auch noch gehen wird müssen. Aber sie ist eine starke Frau, und ihre Tochter auch. Ihre Tochter hat den Umgang mit der Krankheit erst nach langen Jahren auf eine Weise gelernt, die es ihr möglich macht wieder am „Leben“ richtig teilzuhaben. Es kostete viele Rückfälle bzw. Schübe, bis sie ihren Weg gefunden hat. Und ihre Mutter viele, viele Nerven.

Ich kann nur sagen, im Vergleich mit der Tochter, bin ich ein pflegeleichter Fall. Was vielleicht darin begründet liegt, dass ich möglichst unabhängig von meiner Mutter leben wollte und auch immer noch will. (Wer weiß schon, was zukünftig noch auf mich wartet hinsichtlich meiner Erkrankung!) Dieser Drang nach elterlicher Unabhängigkeit, war für mich immer eine starke Antriebsfeder, die Dinge – auch wenn sie noch so kompliziert für mich waren und mich viel Überwindung gekostet haben – anzupacken und einfach zu tun. Auch wenn ich im Nachhinein eigentlich kaum in der Lage dazu war. Heute kann ich stolz auf mich zurückblicken. Es hat mich stärker gemacht und mein Selbstvertrauen aufgebaut. Und ich hatte das Glück meinen Mann kennenzulernen. Mit seiner praktischen Herangehensweise und der Einstellung, dass wir alles gemeinsam schon hinkriegen werden, hat er sich genau richtig verhalten, um mir meine Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Ich kann Ehefrau, Mutter und seine Unterstützerin sein, was mein Leben aus- und erfüllt. Würde ich das nicht als solches erkennen können, würde ich sicher mehr mit meiner Krankheit hadern, und vor allem meine Medikamente nicht so zuverlässig einnehmen  – die Nebenwirkungen sind nun mal wirklich nicht ohne.
Ich glaube, hätte ich mein Leben nicht grundsätzlich geändert – wäre es mir nicht lange so halbwegs gegangen, sondern ich wäre vollkommen abgestürzt. Als Single, in der Großstadt, mit unbehandelten Depressionen und einem Job, der mich permanent überfordert hat…
So bin ich glaube ich zu einem mittlerweile“pflegeleichten“ Fall geworden, und ich bin dankbar dafür!

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