Gedanken und Berichte

Die zweite Schwangerschaft

Mein Mann und ich haben uns nicht leichtfertig zu einer zweiten Schwangerschaft entschieden. Ich habe mich mit meinem Psychiater besprochen, mich bei Embryotox wegen der Medikamente schlau gemacht, mit meiner Gynäkologin gesprochen. Klar gemacht, dass wir in einer Klinik mit Frühgeborenenintensivstation entbinden, sollte doch eine Nachwirkung durch die Medikamente folgen. Wir versuchen die Risiken gut abzuwägen. Aber am wichtigsten war uns, dass unsere Tochter kein Einzelkind bleiben sollte. Das ich nach der Geburt wohl bald psychotisch werden würde war uns klar- die Frühwarnzeichen einstudiert um rasch reagieren zu können.
Tja, und so vorbereitet wurde ich bald schwanger. Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen, auch wenn sie körperlich ein wenig beschwerlicher war als meine erste Schwangerschaft. Ungefähr nach vier Monaten musste ich die Neuroleptikadosis erhöhen, aber nur minimal. Alles lief gut. Trotzdem wurde ich immer nervöser, je näher der Geburtstermin rückte. Ich hatte Angst, mein Baby könnte unter Nachwirkungen durch die Medikamente leiden, oder nicht gesund zur Welt kommen. Immer wieder plagten mich auch Zweifel, ob die Entscheidung noch ein Kind zu bekommen gut und richtig war.

Heute kann ich nur sagen JA! Aus vollem Herzen! Ich seh den kleinen Mann und bin einfach nur glücklich. Er ist ein gesundes, strammes, gut entwickeltes Kerlchen und hatte keinerlei Schwierigkeiten nach der Geburt. Und seine Schwester liebt ihn abgöttisch.

Wenn mich jemand fragt, ob ich es für richtig halte, dass psychisch kranke Frauen Kinder bekommen sollten, kann ich nur antworten – für mich war es richtig. Aber ohne das OK meines Psychiaters hätte ich kein zweites bekommen. Jeder psychische Erkrankung verläuft bei jedem anders, und es muss eine individuelle Entscheidung gemeinsam mit den behandelnden Ärzten sein.
Ich wurde aber auch schon mit der Meinung konfrontiert – psychisch kranke Frauen sollten zwangssterilisiert werden und dürften keine Kinder bekommen. Ich kann nur sagen, wir leben nicht im dritten Reich!! Und was ist mit Drogenabhängigen, Kettenrauchern, Alkoholikerinnen, HIV-Positiven Frauen oder Frauen mit anderen chronischen Erkrankungen?

Finde es wichtig mit allen Beteiligten offen mit meiner Erkrankung umgegangen zu sein, selber Verantwortung bezüglich der Frühwarnsymtome übernommen zu haben, auf alle sonstigen Medikamente geachtet und mich informiert zu haben. Und ich habe rund um die Schwangerschaft und Geburt keine negativen Reaktionen erlebt – im Gegenteil, es wurde auf mich zu- und eingegangen. Besonders bei der Geburt und im Wochenbett.

Die Zeit nach der Geburt verlief natürlich stressig für mich, und nach ca. eineinhalb Monaten fing ich an, die Neuroleptikadosis zu erhöhen – trotzdem konnte ich einer erneuten Psychose nicht vollständig vorbeugen. Zuerst wurde ich psychotisch, dann manisch. Aber gemeinsam mit der engmaschigen Betreuung durch meinen Psychiater, konnte ich einen Krankenhausaufenthalt vermeiden, und die Krise ambulant in den Griff gekommen. Komplett symptomfrei bin ich bis jetzt nicht, wie ja im Journal zu lesen ist, aber im Großen und Ganzen verläuft alles nicht so schlecht.

Ich bereue die Entscheidung zu einem zweiten Kinde keinen Moment. Aber jetzt ist auch Schluss. Ich möchte mein Glück nicht noch ein weiteres Mal herausfordern!

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